| von Johannes Schlörb | |
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Im Frühling 2006 wurde aus dem Jugendtraum, eines Tages das „Auto des Bundeskanzlers” zu fahren, langsam Ernst. Ich hatte bereits über Monate sporadisch im Internet Ausschau gehalten nach entsprechenden Angeboten. Als es konkret wurde (endlich hatte ich tatsächlich mal "Geld übrig”), war meine Freundin erst gar nicht so begeistert von der Idee. Auf Fotos fand sie solch einen Wagen viel zu klobig. Ein R107 (Mercedes SL-Roadster der 70er und 80er-Jahre) hätte ihr weitaus besser gefallen. Aber davon sind gut erhaltene Exemplare inzwischen jenseits der 20.000€ angelangt. Tendenz: steigend! Als wir aber den für sie ersten W126 in natura in Augenschein nahmen, schwand die Skepsis allmählich.Durch die einschlägigen Autobörsen im Netz fanden wir zunächst nur wenige Kandidaten für die engere Wahl, die mir aber einfach zu teuer waren. Ich wollte und konnte nicht mehr als 10.000€ ausgeben, obwohl ich natürlich wußte, daß die wirklich top erhaltenen Fahrzeuge eher mehr kosteten. Also mußten Zugeständnisse gemacht werden. In Sachen Kilometerstand ist das noch einfach: bei den höher motorisierten Mercedes-Limousinen spielt die Laufleistung tatsächlich keine große Rolle, da Motoren mit derart gewaltigem Hubraum meist auch sehr viel langlebiger sind. So ist ein Achtzylinder mit hunderttausend Kilometern und mehr de facto "gerade erst eingefahren", vorausgesetzt er wurde gut behandelt. Es wäre zudem auch unrealistisch, eine Langstreckenlimousine dieses Alters mit deutlich weniger Kilometerleistung zu finden.
Grauer Apriltag, ein Samstag. Wir waren kaum in Bingen angekommen und suchten noch einen Parkplatz, da sah ich (Beifahrer) ihn auch schon auf dem Hof stehen und drehte meinen Kopf um mindestenst 180°, dem schönen Anblick beim Vorbeifahren folgend. Das war er! Der real existierende Idealbenz vor dem Flachdachgebäude eines kleinen Gebrauchtwagenhandels. Das Ensemble machte einen akzeptablen Eindruck. Wir parkten, stiegen aus. Ich näherte mich wie ein Nachtwandler dem Wagen. Beim blinden Überqueren der Hauptstraße kam ich mir vor wie der Geiger, der eine Stradivari herrenlos herumliegen sieht. Außer daß ich nicht Geigen kann. Und Mercedes war ich bis dato auch noch kaum gefahren, aber was ist schon Antonio Stradivari gegen Bruno Sacco? Es war ein Moment wie in Zeitlupe! Und dann passierte es! Es tat einen Schlag… und ich erkannte, daß dem Wagen der Mercedes-Stern fehlte!!!Als ich wieder klar im Kopf wurde, war ich froh, diesen größten denkbaren Makel eines Mercedes gleich erkannt zu haben. Fast ganz ohne Witz, denn psychologisch gesehen war es mehr als verkaufsfördernd für den Händler. Ich brauchte ja ab dann nicht mehr den Eindruck zu haben, daß es alles "zu perfekt" und damit "verdächtig" war. Immerhin sollte dieses Prachtstück ja "nur" 9300 EUR kosten (also die komplette Limousine, nicht bloß der fehlende Stern).
Auch wenn wir ab dann krampfhaft nach weiteren Mängeln suchten und sie auch fanden, setzte die kognitive Dissonanz ein und ließ uns großzügig darüber hinwegsehen. Der Wagen hatte wenigstens optisch den Erhaltungszustand eines weit teureren Exemplars, nicht zuletzt dank einiger Neuteile – und an Ausstattung fast alles. Nur eben keinen Mercedes-Stern. Seinen Preis wert war er wohl dennoch. Eine kleine Pfütze vorne rechts machte uns dann auch nichts mehr aus. Der Wischwasser-Behälter bzw. eine Zuleitung waren undicht. Klar, solche Dinge mußten vom Verkäufer kostenlos behoben werden. Positiv wiederum: der Wagen könnte quasi aus noch erster Hand übernommen werden. Zumindest auf dem Papier, denn der Händler hatte ihn selbst (mit rotem Nummernschild) gefahren, allerdings nur einige hundert Kilometer.Wie bei Fahrzeugen dieser Güte- und Preisklasse kaum anders zu vermuten, wurde auch dieser 560er zunächst rein geschäftlich und damit auch repräsentativ genutzt. Auffällig ist jedoch, daß der Wagen so lange schon vom selben Besitzer gehalten wurde: einer inzwischen in Konkurs gegangenen Speditionsfirma aus Eppelheim bei Heidelberg, die den Wagen zunächst geleast und dann übernommen hatten.
Schweißnähte am Kühlerrahmen vorne deuteten auf einen geflickten Auffahrunfall hin. Der Händler machte einen ehrlichen Eindruck und berichtete freimütig auch von anderen "Schönheitsfehlern". Unter anderem. ein wenig Beulendoktorei, eine neue Motorhaube, Schweißarbeiten im Radkasten zur Beseitigung von Rostfraß, eine neue Lackierung der Kotflügelbereiche wegen Parkremplern. Alles auch dokumentiert in einem Gutachten, welches uns überreicht wurde und das unterm Strich trotz allem durchaus für den Wagen sprach. Bis eben auf „rost- und beulenfreier Zustand” als Bedingung für den Kauf… Sie erinnern sich? Nun ja, so wie er da stand, war er ja auch (wieder) rost- und beulenfrei :-) Desweiteren gab es eine Modifikation der Räder und Bereifung, die aber eher praktischer Natur ist. Statt der 15-Zoll-Räder fährt der Nautikblaue nun mit Distanzscheiben auf 16-Zollern des R129-Roadsters. Das war tatsächlich die erste und einzige Kröte, die ich zu schlucken hatte: eine Veränderung am Wagen, die so nicht "der üblichen Werksausstattung" entsprach.
Für mich als "Originalo" kaum erträglich, aber Fakt ist nunmal, daß die Reifenauswahl für 16-Zoller deutlich größer war. Widerstrebend gebe ich sogar zu: Distanzscheiben und größere Räder stehen dem Wagen tatsächlich sehr gut! Und lassen wir die Kirche im Dorf: auch Zalzar-Vorhänge und Klapptische im Fond, die auf meiner To-Do-List stehen, gehören nicht unbedingt zur "üblichen Werksaustattung". Dazu aber an anderer Stelle mehr. So ging es zur Probefahrt. Auch der Händler stieg hinten ein und redete fortan unentwegt. Ich versuchte mich dabei vor allem auf Geräusche des Motors zu konzentrieren, aber hörte noch mit einem Ohr zu. Immer wieder beteuerte er, daß er den Nautikblauen eigentlich gar nicht verkaufen wolle, weil er schließlich schon einiges in die Restauration investiert und ihn ursprünglich für sich selbst angeschafft hatte. Nebst oben genannter Instandsetzungen waren auch alle Druckspeicher der Hydropneumatischen Federung erneuert worden (Pluspunkt! Denn die sind irgendwann fällig). Er wolle den Wagen auch nur in gute Hände abgeben. Zuvor sei bereits ein Interessent vorstellig geworden, der den Wagen offenbar für Tuning-Experimente verwenden wollte. Den habe er rigoros ablitzen lassen.
Aber was soll ich sagen? Die Probefahrt war anstandslos verlaufen. Einige Kilometer Autobahn, ein wenig Bundesstraße. Der Wagen lief recht gut. Zurück auf dem Hof nahm ich ihn nochmals genau in Augenschein und ging die gesamte Liste der Prüfpunkte ein weiteres Mal durch. Gottseidank war meine Freundin auch in dieser SItuation ein guter Mitdenker. Wir sprachen nochmals alles durch. Für den rein hypothetischen Fall, daß wir uns zum Kauf durchringen SOLLTEN: was müßte seitens des Händlers noch vorgenommen werden? Was gab es zu beanstanden?Letztlich war es Anka, die der Liste der „Kaufbedingungen” den erforderlichen charmanten Nachdruck verlieh. Darunter waren: eine Umrüstung auf die Abgasnorm Euro2, natürlich neue TÜV- und AU-Plaketten (war ja auch schon in der Anzeige so versprochen), eine Grundreinigung des Innenraums (Nikotinflecken), sowie eine Durchsicht/Inspektion. Alles hatte im Kaufpreis inklusive zu sein, FALLS wir den Wagen denn tatsächlich nehmen würden. Der Händler willigte schließlich ein. Damit verabschiedeten wir uns und versprachen, uns montags telefonisch zu melden, um unsere Entscheidung bekanntzugeben. Das Versprechen wurde auch gehalten. Unsre Entscheidung hieß: "Ja zur S-Klasse". Eine Vorauszahlung wurde veranlaßt und samstags darauf sollte der Wagen abgeholt werden können. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß sich die Woche bis zu besagtem Tag der Abholung wie Kaugummi zog. Obwohl es nicht nur auf der Arbeit genug zu tun gab: Deckungskarte der Versicherung mußte her, sowie ein Kurzzeitkennzeichen. Außerdem begann meine Freundin bereits fieberhaft, nach einer passenden Mietgarage zu suchen. Gar kein leichtes Unterfangen bei der Fahrzeuggröße!
Plötzlich war Samstag! Gegen Mittag waren wir in Bingen, ich hatte das restliche Geld dabei und freute mich schon wie ein kleiner Junge. Aber wo war der Mercedes? „Gerade noch beim Reifen-Auswuchten”, erklärte der Verkäufer und entschuldigte sich. Aber wir waren eh zu früh da und warteten deshalb gerne noch die paar Minuten. Und dann kam der Angestellte auch schon vorgefahren mit dem nautikblauen Schiff, das in wenigen Minuten mir gehören würde!! Auf dem Kühler ein nagelneuer Mercedes-Stern, aber dafür war diesmal etwas anderes sehr komisch am Auto. Ich ging rein zum Händler. „Sie haben doch gesagt, sie verkaufen den Wagen nicht an jemanden, der ihn aufmotzen will, oder?" „Ja, dabei bleibt es auch. Wieso?" „Naja, Sie haben den doch jetzt selbst tiefergelegt, oder?” Eigentlich hätte ich spätestens jetzt vom Kauf zurücktreten sollen, aber so blöd es sich anhört angesichts des höheren Geldbetrages, den ich da eben mal schnell auf den Kopf zu hauen bereit war: ich wollte einfach den Nachmittag nicht ohne dieses Traumauto sein. Denn das war es trotz allem! Und ich wollte auch nicht mehr suchen müssen. — Ohne der ganzen Geschichte vorzugreifen: ich habe den Kauf bis zum heutigen Tage (Dezember 2006) auch nicht bereut! Die Formalien waren recht schnell erledigt. Die Stimmung war gelöst! Ich war insgesamt über 9000€ los und erhielt dafür die unscheinbaren Schlüssel, die für mich aber deutlich mehr wert waren und sind.
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