Startseite Geschichte(n) Eine Liga für sich
von Johannes Schlörb   


Wollte man seine Erfolgsformel auf ein handliches Format reduzieren, in welche Schublade wäre so ein Automobil dann einzusortieren? Geräumig genug wären die Schubladen der „automobilen Oberklasse“ oder meinetwegen die der „Luxusklasse“. Ein echter Mercedes-Enthusiast mit Lederweste und Brillenband denkt jedoch in anderen Kategorien.

Schließlich deutet schon die ursprünglich vom Volksmund geprägte Bezeichnung "S-Klasse" darauf hin, daß der Wagen in einer eigenen Liga spielt. Das fand auch Mercedes-Benz und übernahm den Begriff in den Siebziger Jahren in die offizielle Werbe-Nomenklatur zur Baureihe W116, dem Vorgänger des W126.

Gemein hat die Stuttgarter "Sonderklasse" mit den Flaggschiffen anderer Hersteller ungefähr die Stärke der Motorisierung, die phallischen Abmessungen, die luxuriöse Ausstattung. Ein entscheidendes Alleinstellungs-Merkmal aber (neben dem oft auch deutlich höheren Preis) gibt es bis heute: wesentliche Innovationen waren meist nur bei Mercedes erhältlich, und aufgrund der hohen Entwicklungskosten zunächst auch nur für Gutbetuchte im Spitzenmodell S-Klasse. Das „S“ – so will man es in Stuttgart-Untertürkheim verstanden wissen – steht dabei in erster Linie für „Sicherheit”, auf die sich die meisten der Innovationen richten, die im großen Daimler ihre Weltpremiere hatten und haben. Deutlich wird dies auch daran, daß allein in diesem ersten Kapitel meiner Geschichten gleich vier verunfallte 126er zu sehen sind.

Beispiel Airbag: nach ersten Tests im Jahre 1967 (!) wurde Mercedes-Benz vier Jahre später das Patent für den Prallsack zuteil und hatte 1980 in der S-Klasse als Luftsack seine Weltpremiere. 1987 mündete diese Evolution im Beifahrer-Airbag, ebenfalls als Weltneuheit

Abb.: Auch der millionste Airbag löst 1981 zuverlässig aus und suggeriert mit seinem nautikblauen Versuchs-träger eindrucksvoll, daß das Leben zu wertvoll ist, um schlechte Autos zu fahren.


Teils noch wesentlich früher – und oft früher als die Konkurrenz – bot Mercedes seinen Kunden auch den erst später selbstverständlichen Dreipunktgurt, das elektronische ABS (Antiblockiersystem), ASR (Antriebsschlupfregelung), ASD (Automatisches Sperrdifferential) und eine schier endlose Liste an Besonderheiten im Bereich Sicherheit, die ihre Manifestierung in der für seine Zeit sehr aufwendigen Verarbeitung von Chassis und Karosserie finden. So ist es bspw. einer besonderen Anordnung der Trägersysteme zu verdanken, daß die Baureihe 126 die weltweit erste Generation von Automobilen wurde, deren Fahrgastzelle den gefürchteten Offset-Crash (seitlich versetzter Frontalaufprall bei 55km/h) unbeschadet überstand.

Ein Pfund mit dem man durchaus wuchten kann und sollte, denn es wurde zum Ausgangspunkt eines der besten Werbespots zum Thema "Oberklasse-Automobil" überhaupt. Die Zutaten: ein lädierter 420 SEL in silberdistel-metallic mit Interieur in "Leder dattel", eine australische Familie in zeitgenössischer Kluft, eine exzellente, kontinuierliche Kamerafahrt ohne Schnitt, ein Soundtrack wie kurz vorm WaBo-Angriff in "Das Boot", eine simple Story per Off-Text und ein einprägsamer Claim: "To them, a Mercedes-Benz is no luxury". Viel Spaß bei der Gänsehaut!

 

 

 

So simpel und billig kann gute Werbung sein, wenn sie sich auf einfache, aber wertvolle Fakten stützt.

Die sehr lange Produktionszeit von beinahe 12 Jahren mit weit über 800.000 gebauten Fahrzeugen unterteilt sich durch umfangreiche Modellpflegemaßnahmen Mitte der Achtziger Jahre in zwei offizielle Serien. Fahrzeuge der zweiten Serie ab 1986 mit vielen technischen Erweiterungen und Verbesserungen, zu der auch mein 560 SEL zählt, unterscheiden sich natürlich auch optisch. Die für den Laien marginalen Unterschiede sind u. a. der tiefer heruntergezogene Frontspoiler, zu den Rädern hin heruntergezogene Schweller, die fehlende „Riffelung“ an der Seitenbeplankung, sowie Detailänderungen an Kofferraum und Heckfenster. Über die gesamte Bauzeit und unabhängig von der Einteilung in die Serien fanden kontinuierlich weitere Detailverbesserungen statt. Die technische Reife eines 126ers des Jahres 1991 könnte man leichtfertig als "perfekt" bezeichnen, fand sie doch letzten Endes nur Einschränkungen im dann schon längst überholten Grundkonzept.

Der Erfolg des Hundertsechsundzwanzigers ist nicht zuletzt seinem "Designer" (eigentlich: "Leiter der Hauptabteilung Stilistik") Bruno Sacco zu verdanken. Dessen Grundsatz, wonach ein Mercedes 30 Jahre lang gestalterisch aktuell wirken muß, ging im W126 vollends auf: entworfen Mitte der Siebziger, gebaut über die Achtziger Jahre hinaus, mit durchschnittlichem Wartungsaufwand oftmals noch heute im Alltagseinsatz. Diese exzessive Nachhaltigkeit (um ein aktuelles Buzzword des "Green Speak" zu bemühen) hat einen interessanten Nebeneffekt: der 126er findet ob seines noch immer frischen Designs erst zögerlich zur optischen Reife eines "Youngtimers". Und das obwohl die ersten Exemplare der sogenannten "Neuen S-Klasse" schon Ende 2009 H-Kennzeichen-tauglich und damit offiziell Oldtimer sein werden!


Wenn ein Mercedes-Benz in der nächsten Modellgeneration weiterentwickelt wird, dann solle die Modellreihen-Identität gewahrt bleiben. Bruno Sacco sprach von einer „vertikalen Affinität“. Sie [...] soll garantieren, dass der Vorgänger nach der Präsentation der neuen Modellgeneration nicht veraltet wirkt. Als zweite tragende Säule der Mercedes-Benz Design-Philosophie gilt die Markenidentität. Sie verlangt traditionelle Designmerkmale zu pflegen, weiterzuentwickeln und in allen Baureihen nebeneinander darzustellen. In diesem Zusammenhang wird von „horizontaler Homogenität“ gesprochen. Sie findet ihre Ausprägung beispielsweise im Design der Kühlermasken, der Scheinwerfer und Heckleuchten. Obwohl formal nach Limousinen, Coupés und Roadster in Details differenziert wird, soll der Betrachter ihre Familienzugehörigkeit auf Anhieb erkennen. (Wikipedia)

Dies ist bis heute, rund 30 Jahre nach Vorstellung der Baureihe 126, meisterhaft gelungen. Die zweite offizielle S-Klasse-Generation wurde aufgrund ihrer herausragenden Qualitäten und ihres weltweiten Ansehens zum meistgebauten Oberklasse-Automobill der Welt. Eine eigene Fahrzeugklasse – eine eigene Klasse innerhalb der S-Klasse!

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